Archiv nach Kategorie "Experimente"

Etwas

Veröffentlicht in Experimente, Literatur, Notizbuch mit Tags , am November 11, 2009 von flawless!?

Etwas

flawless!?

Gedankenfetzen und anderer Unfug I

Veröffentlicht in Experimente, Notizbuch mit Tags , , , am Mai 5, 2009 von flawless!?

harald-lesch1

1) Harald Lesch – Screenshot aus Alpha Centauri

***

2) Was ist eine Demokratie wert, in der die zu Wählenden populistische Marionetten der Industrie und die Wählenden zu 90% Vollidioten sind?

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dsc000513) Wer hätte das gedacht? Harr Harr. Ganz wird man den pubertären Humor wohl nie los. Gesehen im Kükenthal, 25. Auflage

***

4) Stümmt

flawless!?

März März!

Veröffentlicht in Experimente, Notizbuch mit Tags am April 1, 2009 von flawless!?

zeitungsente1

Ich sollte lernen…

Ah, einen hab ich noch!

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flawless!?

Imogen Heap – Hide and Seek

Veröffentlicht in Experimente, Leinwand mit Tags , , am Februar 20, 2009 von flawless!?

where are we?
what the hell is going on?
the dust has only just begun to form
crop circles in the carpet
sinking feeling

spin me round again
and rub my eyes,
this can’t be happening
when busy streets amass with people
would stop to hold their heads heavy

hide and seek
trains and sewing machines
all those years
they were here first

oily marks appear on walls
where pleasure moments hung before the takeover,
the sweeping insensitivity of this still life

hide and seek
trains and sewing machines (oh, you won’t catch me around here)
blood and tears (hearts)
they were here first

Mmmm whatcha say,
Mmm that you only meant well?
well of course you did
Mmmm whatcha say,
Mmmm that it’s all for the best?
Of course it is
Mmmm whatcha say?
Mmmm that it’s just what we need
you decided this
whatcha say?
Mmmm what did she say?

ransom notes keep falling out your mouth
mid-sweet talk, newspaper word cut outs
speak no feeling no I don’t believe you
you don’t care a bit,
you don’t care a bit

(hide and seek)
ransom notes keep falling out your mouth
mid-sweet talk, newspaper word cut outs

(hide and seek)
speak no feeling no I don’t believe you
you don’t care a bit,
you don’t care a (you don’t care a) bit

(hide and seek)
oh no, you don’t care a bit
oh no, you don’t care a bit

(hide and seek)
oh no, you don’t care a bit
you don’t care a bit
you don’t care a bit

flawless!?

Fingerübungen: Beobachtungen I – Windows

Veröffentlicht in Experimente, Literatur am Januar 18, 2009 von flawless!?

Halb Vier war bereits seit einigen Minuten vergangen. Es war Dienstag, und für gewöhnlich war sie um diese Uhrzeit bereits zurück. Sie ging einmal Montags einkaufen und deckte sich dann mit den wichtigsten Dingen ein, und da sie sehr vorausschauend einkaufte gingen ihr nur selten unvorhergesehen einige Haushaltsartikel aus, vor allem Putzmittel, und dann ging sie eher gegen Ende der Woche noch einmal kurz in den Supermarkt, wenn es ihr Stundenplan erlaubte. Das konnte also nicht ihre Verspätung bedingen, doch was für eine Erklärung gab es sonst für eine solche Taktlosigkeit? Er hatte selbst immerhin auch Termine, ein Leben und eine Firma, das es zu führen galt! Nun, man konnte nicht behaupten, dass sie verabredet gewesen wären, doch er spürte wie diese marginale Verzögerung ihres Eintreffens  an seinen Nerven zehrte. Er erwartete sie mit begierigerer Vorfreude und er konnte nicht umhin zu bemerken, dass er sich ein wenig vorkam als hätte sie ihn versetzt. Seine Empörung wich jedoch schnell einem beinahe kindischem Schmollen, da er wusste, dass er eigentlich kein Recht dazu hatte von ihr ein solches Maß an Pünktlichkeit zu erwarten, und er wusste ohnehin, dass er ihr nie einen ernsthaften Vorwurf würde machen können. Er wusste, dass er, sobald ihr Gesicht in sein Blickfeld trat, keine Chance mehr hatte irgendeinen Groll gegen sie aufrecht zu erhalten; Ihr Anblick würde jeglichen Zweifel, jeden negativen Gedanken in ihm wegfegen, denn sein Gefühl für sie – eine Mischung aus zärtlicher Zuneigung und tiefer Bewunderung, die er so noch nicht gekannt hatte – beanspruchte dann allen emotionalen Raum in seiner Seele. Da er sich also nicht ohne Selbstbetrug über diesen Fehltritt empören konnte und sich seiner Ohnmacht eine solche über den Zeitpunkt ihres Eintreffens zu bewahren nur allzu bewusst war, gönnte er sich für den Moment den Luxus eines harmlosen Beleidigseins, das ihn inzwischen beinahe schon amüsierte.

Nein, er freute sich einfach zu sehr auf ihre Ankunft. Je mehr er darüber nachdachte, desto eher glaubte er sogar, dass dieses unerwartete Durcheinanderwürfeln seines Terminplanes dem ganzen einen gewissen Reiz gab, ja, dass dieser Hauch der Unberechenbarkeit ihm, dem gewissenhaften, beinahe pedantischen Geschäftsmann, die ganze Geschichte noch ein wenig schmackhafter machte und für einen Moment gab er sich der Illusion hin, dass sie das mit Absicht tat, im vollen Bewusstsein um die Spannung in die sie ihn damit versetzte. Er war ganz der Typ Mensch, der am liebsten alles unter seiner Kontrolle hatte, doch dieses neue unberechenbare Moment in ihrer beider Tagesablauf bedeutete, sollte es sich denn manifestieren, eine Herausforderung, frischen Wind, einen netten würzigen Beigeschmack. War es nicht diese Art von Reiz gewesen die ihn zu ihr geführt hatte?

Jetzt musste er doch lachen wie er sich selbst so beim denken zuhörte, und er fasste sich kopfschüttelnd an die Stirn. Sie hatte ihm wirklich den Kopf verdreht, diese Studentin. Seit beinahe 12 Monaten kannte er sie nun, beinahe 12 Monate war es nun her, dass er sie das erste Mal gesehen hatte. Er konnte sich noch an jedes Detail dieses Tages erinnern, auch wenn er sich eingestehen musste, dass er das Sonnenlicht in seiner Erinnerung wohl einen Tick zu sehr weichzeichnete und ins goldene verschob, dass es beinahe schon Kitschig war, aber ansonsten war das Bild dieses Momentes unverfälscht.

Es war ein schöner Tag im Frühjahr gewesen und er hatte nach einer langen und aufreibenden Zeit, in der er sich quasi in seinem Büro verschanzt und nichts anderes als Tabellen, Zahlen und Diagramme zu Gesicht bekommen hatte – er hatte es nicht anders gewollt – den Willen gefunden eine seiner seltenen Pausen einzulegen. Nachdem er Jahre für seine Arbeit, für sein Unternehmen gelebt hatte und glücklich dabei gewesen war, war er in eine merkwürdige Lebensphase eingetreten, in der ihm keine neue Herausforderung mehr jenes Glück verschaffte, das ihn sonst vorantrieb. Er hatte zunächst gedacht, das wäre wohl die von den Medien stets beschrieene „mid-life-crisis“, doch entgegen allem was er sich je darunter vorgestellt hatte fühlte er sich nicht alt oder so, als hätte er in seinem Leben etwas verpasst, denn im großen und ganzen mochte er sein Leben so wie es war. Doch es war, als bräuchte er etwas, ein neues Element, das sein Leben um einen aufregenden Aspekt bereicherte, in etwa so wie man sich nach einem neuen Einrichtungsgegenstand wünscht, sei es eine Lampe, um das immergleiche Wohnzimmer optisch aufzufrischen. Eine geringfügige Modifikation, die das Gesamtbild angenehm auflockerte. Doch was dieses Etwas sein konnte hatte er sich nicht vorstellen können.

An diesem einen speziellen Tag nun hatte ihn dieses beklemmende Gefühl wieder überkommen und er war zum ersten Mal seit langem an das Fenster seines Büros getreten und hatte sich in Ruhe die Welt dahinter angeschaut. Nach einer Weile glaubte er zu fühlen wie sich etwas in ihm öffnete, eine Art innere Einstellung tat sich ihm auf die ihm sagte: Da draußen, hinter diesem Fenster, dort ist es möglich, dort findet man ein solches Etwas. Nicht in diesem Büro, nicht in deinem Kopf.

Er hatte sich sofort seinen Mantel geschnappt – noch hing der Winter dieser Welt da draußen in den Knochen – und zügig das Büro, nachdem er den gewohnheitsmäßigen Reflex ein paar Unterlagen mit zu nehmen niedergerungen hatte, verlassen um in den Park zu gehen, dessen knospende Baumwipfel er von seinem Fenster aus in der Ferne gesehen hatte. Und dort, in diesem Park, vor beinahe einem Jahr, hatte er sie zum Ersten Mal gesehen, wie durch Fügung nur wenige Stunden nachdem er sich bewusst geworden war, dass er sich überhaupt nach etwas sehnte.

Er hatte sofort gewusst, dass sie war, was er suchte: Sie trug eine modisch geschnittene dunkle Regenjacke und hatte ihr dunkelblondes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, der die elegante Form ihres Kopfes betonte und ihr jugendliches Gesicht hervorhob und ihr Wollschal ließ ihren schlanken Hals nur erahnen, während ihre Jeans und die leichten Sportschuhe einen frechen, aufreizenden Gegensatz boten.

Von da an kam er öfter in den Park, und als er bemerkte, dass sie beinahe Täglich zur selben Uhrzeit vorbeikam, begann er, jeden Tag dorthin zu gehen.

Er spürte seine alte Lebensfreude wiederkehren und mit jedem Tag an dem er sie sah kam er sich ein wenig Energiegeladener, motivierter, zielstrebiger vor; Sein ganzes übriges Leben erstrahlte ihm in neuem Glanz, als hätte diese Lampe für sein altes Wohnzimmer die Fähigkeit, den gesamten Raum mit ihrem Licht – ihrem frischen, andersartigen Licht – in einen völlig neuen, freundlicheren Ort zu verwandeln.

Er war sich vorgekommen wie ein verschüchterter Schuljunge, der sich nicht traute seinen großen Schwarm anzusprechen, und in der Angst diese Sicherheit der fernen, heiligen Verehrung einer möglichen Abweisung zu opfern, hatte er sich zunächst damit begnügt sie einmal am Tag für die Zeit ihres Weges durch den Park zu sehen… Doch das war ein Jahr her, und inzwischen waren sie beide sehr vertraut.

Er hatte sie schnell besser kennen gelernt, und nachdem er ihr das erste Mal zu ihrer Wohnung gefolgt war alles Schlag auf Schlag gegangen. Sie war vor einigen Jahren hier hergezogen um ihr Germanistikstudium zu verfolgen und wohnte nun im vierten Stock eines Mehrfamilienhauses nicht unweit des Parks. Er hatte sich dann eine Wohnung auf der anderen Straßenseite gemietet, die nur unwesentlich höher Lag als ihre Wohnung, und der Blick war Ideal. Er konnte direkt in ihr modern, geschmackvoll eingerichtetes Wohn- und Arbeitszimmer schauen, dem sich eine kleine Kochnische anschloss. Das Fenster daneben offenbarte den Blick auf das Schlafzimmer, war jedoch am Rand mit weißen Gardinen behangen. Im hinteren Teil konnte man die Tür ins Badzimmer erkennen.

Sie ging gerne Joggen, mochte Hunde und kochte gerne, meist italienische Speisen. Sie hatte keinen Fernseher, doch sie verbrachte einige Zeit am Computer. Ihre beste Freundin, wie auch ein Grossteil ihres übrigen Freundeskreises, war ebenfalls Studentin der Germanistik und besuchte sie regelmäßig. Einmal im Monat ging sie zum Friseur um sich die Haare kürzen zu lassen; Eine neue Frisur hatte sie sich im Laufe ihrer Bekanntschaft noch nicht zugelegt, doch das gefiel ihm. Er mochte es, ihr glattes, dunkelblondes Haar, etwa schulterlang geschnitten, das sich in den vorderen Strähnen, die ihr auch ab und an ins Gesicht fielen, an ihren Enden eine leicht geschwungene Kurve nach vorne beschrieben. Wenn sie aus der Dusche kam schlang sie sich meist ein Handtusch um ihre nassen Haare und ihr Kopf, vom zerbrechlichen Schwanenhals aufwärts, offenbarte sich dann wieder in seiner ganzen zierlichen Eleganz, wie damals als er sie zum ersten Mal mit Pferdeschwanz erblickt hatte…

Jäh wurde er aus seinen Gedanken gerissen, denn er sah plötzlich eine Regung in ihrer Wohnung. Sie war zurück! Er sah auf die Uhr: Eine halbe Stunde Verspätung – was hatte sie so lange aufgehalten? Er postierte sich hinter seinem Fernrohr und richtete es auf das Wohnzimmerfenster. Er lachte innerlich, denn das heute begonnene reizvolle Spielchen ging insofern weiter, als dass die kalte Sonne des ausklingenden Februars ihr Fenster so sehr verspiegelte, dass er ihr Gesicht nur andeutungsweise hinter einem Spiegelbild des Hauses, in dem er sich selbst befand, erkennen konnte. Dieser Schemen genügte ihm jedoch vollauf und er spürte die Lebensfreude erneut durch seine Adern rauschen. Er erkannte die Linien ihres Kopfes und sah, dass sie die Haare wieder zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte. Sie warf ihre Jacke mit einer schwungvollen Bewegung über die Lehne ihres Schreibtischstuhles und verschwand einen Moment aus seinem Blickfeld, tauchte dann im Schlafzimmer auf und ging ins Bad. Sie ließ die Türe offen stehen wie sie war und er beobachtet sie dabei wie sie sich die Hände wusch und anschließend ihr Gesicht einem prüfendem Blick im Spiegel, der nicht zu sehen war, unterzog. Sie öffnete den Haargummi, vollführte mit beiden Händen vom Nacken herauf eine kurze schwungvolle Bewegung und warf ihre nun offenen Haare mit einem leichten seitlichen Nicken ihres Kopfes in Position. Sie sah nun selbst auf die Armbanduhr, ging anschließend zurück ins Schlafzimmer und zog dort ihre Hausschuhe an.

Er wusste, dass sie nun, am Dienstag Nachmittag, kurz etwas essen würde um sich dann an die Nach- oder Vorbereitung ihres Fachstoffes zu machen, was sie am Schreibtisch tun würde. Dann hätte einen wunderbaren frontalen Blick auf ihr Gesicht, denn der Schreibtisch stand unweit des Wohnzimmerfensters an der Wand; Wenn sie sich an diesen setzte und auf den Bildschirm ihres nicht im Blickfeld liegenden Computer schaute war sie ihm beinahe vollständig zugewandt. Sie würde denn Kopf leicht gehoben halten, da sich der Bildschirm naturgemäß etwas über Sichthöhe befand. Noch waren die Tage kurz genug und deswegen würde auch bald der störende Einfluss der Sonne abnehmen, und zwar in dem Maße, mit dem ihr Zimmer als Hintergrund im Dunkel versank und somit der zarte blassblaue Widerschein des Computerbildschirms ihr Gesicht in eine blasse engelsgleiche Büste verwandelte.

Bei diesem Gedanken überkam ihn eine Woge der Erregung, doch er kämpfte sie nieder. Er kam sich schäbig vor wenn ihn ihre Betrachtung  auf diese Art körperlich berührte, auf eine Art, die er nicht mehr mit einer heiligen seelischen Scheu und Ehrfurcht in Verbindung brachte, sondern mit animalischen Trieben. Nur manchmal, wenn er zu Hause neben seiner Frau im Bett lag und an seine täglichen Beobachtungen dachte, überkam ihn diese Schwäche und konnte ihn niederringen. Doch so lange er sie, seine Studentin, hier vor Augen hatte war der Gedanke der Sünde, sein Ekel vor sich selbst in Anbetracht seiner eigenen Unwürdigkeit – Undankbarkeit! – ihr gegenüber zu groß als, dass er sich von seinen tierischen Trieben überwältigen ließe. Unschuldige Liebe, sagte er sich ehrfürchtig. Unschuldig.

Nun musste er wieder an ihre Verspätung denken und er fühlte sich dabei auf seltsame Art und Weise wie ein Vater, der sich Sorgen um seine Tochter gemacht hatte weil sie nicht pünktlich nach Hause gekommen war. Während er in Gedanken mögliche Ursachen für dieses ihr so untypische Verhalten durchging machte er sich daran, seine neu erworbene Digitalkamera vorzubereiten, die er gestern mit der Post erhalten hatte. Bisher hatte er mit einer alten aber hochwertigen Kamera gearbeitet, doch ihm war aufgegangen, dass er nicht mehr die Zeit hatte, alle Bilder zu entwickeln die er im laufe eines Tages schoss. Also hatte er sich schlau gemacht welche digitalen Modelle eine vergleichbare Qualität vorweisen konnten und sich das Model, das er nun in Händen hielt, per Internet bestellt. Er dachte dabei: Bald waren Klausuren… hatte sie sich etwa in einem Gespräch mit Mitstudenten über die Klausuren verplaudert. Hatte sie sich vielleicht noch in ihrem Stammcafé mit ihrer Freundin getroffen? Nun, dachte er, es bestand jedenfalls kein Zweifel, dass er diese halbe Stunde würde nachholen müssen, etwa indem er ihr einmal mehr beim Einkaufen folgte. Doch für heute war alles gut und er hatte noch den Rest des Tages, ja, der Nacht Zeit um sie zu beobachten, ihr zu huldigen, ihr unbeschreibliches Wesen auf zahllose Fotos zu bannen. Denn vor 23 Uhr würde sie nicht zu Bett gehen, eher später. Dann, wenn sie sich zum Schlafen vorbereitete würde sie die Rollläden herunterlassen und ihn somit von ihre Welt aussperren, ein Anblick, den er selten ertrug, weswegen er bei den ersten Anzeichen ihres Willens zu Bett zu gehen zusammenpackte, hin und her gerissen zwischen der Begierde nach Mehr und der Angst vor dem Zertrennen ihrer zarten Verbindung durch ihre Hand.

Er hatte gerade das neue Stativ aufgebaut und versuchte nun sich mit dem wirren Menü der Kamera vertraut zu machen, doch er wurde nicht so recht schlau daraus. Vielleicht würde er sich morgen Vormittag eingehender damit befassen müssen; Er hatte noch nie einen Sinn für diese digital Menüführung gehabt… Doch da er inzwischen kaum noch im Büro war – sein junger Assistent leitete einen Großteil der Geschäfte selbst, in dem Glauben sein Chef arbeite von zu Hause – konnte er sich ebenso gut morgen Früh mit der Technik vertraut machen. Er wurde ärgerlich als er nach einigen wertvollen Minuten immer noch nicht die gewünschten Einstellungen vorgenommen hatte. Als er gerade dachte: Landschaft, Panorama, Automatischer Zoom… gab es denn kein Einstellung für die Beobachtung von Menschen? sah er, dass die junge Studentin nicht an ihrem Schreibtisch saß. Verwundert darüber vergaß er für den Moment rein Ringen mit der Kamera und vergrößerte das Bild, auf der Suche nach ihrer vertrauten Silhouette. Er fand sie an ihrer kleinen Küchenzeile, gebeugt über etwas, das wie eine Glückwunschkarte aussah. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt, den Körper mit den Vorderarmen auf die Ablage gestützt und streckte ein Bein graziös nach hinten und wippte ihren Fuß auf dem großen Zeh. Er begann Fotos zu machen ohne einen weiteren Gedanken an die Einstellungen zu verschwenden, wenngleich in seinem Hinterkopf eine kleine Stimme über die digitale Verfälschung der Wirklichkeit zeterte. Plötzlich sah er wie sie den Kopf hob als hätte sie etwas gehört. Sie eilte zur Haustür.

Er spürte wie sein Herz für einen Moment aussetzte. Hinter der Tür stand ein junger Mann, den er noch nie zuvor gesehen hatte, ein kleines Paket in der Hand, und sie begrüßte ihn mit einer höflichen, aber innigen Umarmung! Er stöhnte entsetzt auf. Er sah wie sie ihm seine Jacke abnahm, ihm einem Platz auf ihrer kleinen Eckcouch zuwies und dann lachend und plappernd zur Küchenzeile ging, um Kaffe zu machen.

Er knipste immer weiter, als hätte er selbst gar keine Kontrolle mehr über seinen Zeigefinger, als wäre er Zeuge eines schrecklichen Unfalls, den er nicht sehen wollte, von dem er sich aber auch nicht abwenden konnte. Als sie zurückkam und ihrem Gast eine Kaffeetasse reichte und sich dann mit Schwung neben ihn setzte, ihm leicht seitlich zugewandt, und dann die Beine leger übereinander Schlug, spürte er wie sich in seinem hals ein Kloß bildete. Seine Sicht verschwamm und er nahm den Blick vom Display seiner Kamera, ungläubig ob des Ereignisses dessen Zeuge er gerade geworden war. Mit zitternden Händen machte er sich erneut an den Einstellungen seiner Kamera zu schaffen als wären die falschen Einstellungen schuld an dieser schrecklichen Szene und er könne es wieder richten indem er die Einstellungen änderte, doch er öffnete nur wirr Fenster um Fenster, Menü um Menü, nur um schließlich in einer ungelenken Bewegung das Stativ mitsamt Kamera umzuwerfen. Beim scheppernden Aufprall löste sich die Kamera vom Stativ und rutsche ein wenig in den Raum hinein, blieb dann mit dem Display zu ihrem Besitzer gewandt liegen und zeigte wie zum Hohn eines der Bilder der Studentin mit ihrem unheiligen Gast. Er glaubte nachfühlen zu können wie es dem „jungen Werther“ ergangen sein musste, ganz einer Kindfrau verfallen, wie sie unschuldiger nicht hätte sein können, und nicht in der Lage sie für sich zu gewinnen. Und ein Schatten legte sich über seine Gedanken, als er daran dachte, wie diese Geschichte ausgegangen war.

Er verließ das Zimmer ohne einen weiteren Blick aus dem Fenster zu werfen.

flawless!?

Ich füge hinzu: Kein Geistlicher hat ihn begleitet.

Fingerübungen: Ohne Argwohn

Veröffentlicht in Experimente, Literatur, Neuigkeiten am Januar 17, 2009 von jusufthebooze

Es war 8 Uhr morgens und gerade waren die Kinder von ihren Eltern in die Gruppe 4 des Kindergartens “Sonnenhalde” gebracht worden. Heute war auch ein neues Kind dabei, ein kleiner, drei Jahre alter Junge, der von seiner Mutter an der Hand reingeführt wurde und nicht von ihrer Seite wich. Ich, in meiner Funktion als Gruppenleiterin, ging auf sie zu, begrüßte zu erst die Frau, die sich als Frau Lehmann vorstellte und wandte mich dann dem kleinen Jungen zu. Ich fragte ihn, wie er heiße, aber er wollte nich antworten. Frau Lehmann sagte, dass seine Name Leon wäre und er noch sehr schüchtern gegenüber anderen Erwachsenen sei. Ich erwiderte, sie solle sich keine Sorgen machen, ich und die anderen Erzieher würden uns gut um ihn kümmern und die anderen Kinder seien sehr nett, er brauche also keinerlei Furcht zu haben. Frau Lehmann beugte sich zu Leon hinunter, flüsterte ihm etwas ins Ohr, woraufhin er nickte und meinte dann zu mir, dass er damit einverstanden sei und sie jetzt gehen werde. Wir verabschiedeten uns und ich wandte mich dem kleinen Leon zu, fragte ihn ob es schlimm für ihn sei das erste mal alleine ohne Mama. Er nickte und eine kleine Träne rann aus seinem rechten Auge. Ich wischte sie ihm ab und nahm ihn an der Hand. Bereitwillig ließ er es zu , er schien also Vertrauen gefasst zu haben und ließ sich von mir in das große Spielzimmer führen. Die anderen Kinder, 12 waren heute gekommen, blickten von ihren Spielen auf und beobachteten den Neuankömmling mit neugierigen Augen. Leons Hand verkrampfte in meiner und ich befürchtete, dass dies ein anstrengender Tag werden würde, an dem ich ununterbrochen einen weinenden kleinen Jungen trösten müsse. Doch dann geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hätte. Jonas, ein Junge von 4 Jahren, stand von seinem Stuhl auf und kam auf mich und Leon zu. Er stellte sich vor Leon und sagte, das sein Name Jonas sei und wie er denn hieße. Ich erwartete, dass Leon gar nichts sagen würde und sicher wieder anfangen würde zu weinen,doch wiedererwarten entgegnete er, sein Name sei Leon und er sei schon drei Jahre alt. Lukas fragte ihn darauf, ob er nicht Lust hätte mit ihm Memory zu spielen und Leon bejahte. Er ließ meine Hand los und ging mit Lukas zu dessen Spieltisch, ohne das geringste Anzeichen von Angst oder Argwohn. Alle Schüchternheit war von ihm abgefallen und das nur durch eine kleine Geste des Vertrauens und Interesses von Lukas. Sie begannen die Memorykarten aus dem Karton zu nehmen, umzudrehen und zu mischen. Anschließend ordneten sie sie und vertieften sich in ihr Spiel. Ich war total überrascht. Das alles war so schnell abgelaufen und ohne viel Worte. Keiner der beiden hatte auch nur einen Gedanken daran verschwendet, was der eine über den anderen dachte, sie hatten sich nicht gemustert, nicht beurteilt, sondern einfach ohne Worte verstanden und akzeptiert. Ich bin jetzt schon seit einigen Jahren Gruppenleiterin, doch die Unbefangenheit der Kinder erstaunt und beeindruckt mich jedes mal aufs neue. Eine Weile stand ich noch in der Tür und beobachtete die beiden bei ihrem Spiel. Man spürte förmlich die Vertrautheit, die von beiden gegenüber dem anderen ausging und diese war in nur wenigen Minuten einfach so entstanden. Es war wunderbar mit anzusehen, wie die Anfänge einer Freundschaft langsam Gestalt annahmen. Ich überließ die beiden nun ihrem Spiel und begab mich in die Gruppenküche, dachte aber noch eine lange Zeit nach, über das was geschehen war und wünschte mir insgeheim, auch nocheinmal so eine Unbefangenheit empfinden zu können, doch leider musste ich zu dem Schluss kommen, das dies wohl nur Kindern möglich sei, einem anderen so frei und ohne Argwohn gegenüberzutreten und sich fast ohne Worte sofort zu verstehen.

jusufthebooze

Fingerübungen: In dubio pro duriore

Veröffentlicht in Experimente, Literatur am Januar 10, 2009 von flawless!?

In dem Moment, in dem der Hammer auf den Tisch aufschlug und damit das eben verkündete Urteil offiziell machte, wusste er, dass er sein Leben verspiel hatte.

Nicht, dass er durch das Urteil zu einer tieferen Einsicht gelangt oder sich mit einem Mal der unmittelbaren Konsequenzen bewusst geworden wäre… Doch in ihm regte sich etwas, irgendetwas in ihm wand sich unter Qualen als wäre es vom richterlichen Hammer just selbst zertrümmert worden. Er konnte es in diesem Moment nicht begreifen, denn er kannte dieses Gefühl nicht, er hatte es nie erlebt, ungeachtet seiner einfachen Natur. Doch die innere Ruhe, seine unnatürliche Gelassenheit, die ihm jahrelang zueigen gewesen war, war dahin und durch eine seltsam giftige Schwere in seinem Magen ersetzt worden. Er konnte es nicht rational nachvollziehen, doch er spürte, dass sein Freispruch das schlimmste war, das ihm in seinem Leben hätte passieren können.

Kaum 30 Jahre zuvor hatte er in einer kleinen Stadt in Mitteleuropa das Licht der Welt erblickt, in welcher er auch seine gesamte Kindheit und Jugend verbrachte. Seinen Eltern und allen anderen Erwachsenen erschien er als höflicher und zuvorkommender Junge und auch seinen Altersgenossen war er lange Zeit ein guter Kamerad. Er war von schlichtem Gemüt, stets freundlich und wollte niemandem etwas Böses, und eine lange Zeit verging bis eine ganz spezielle Qualität seines Charakters schleichend Platz in seiner Person beanspruchte; Und tatsächlich ist es die seltsame Eigenheit dieses einen Charakterzuges, dieses Talents, dass er trotz seiner gewaltigen Wirkung nur unterschwellig agiert und sich jeglicher Analyse entzieht, insbesondere und bis zum heutigen Tage im Zuge der Selbstreflexion, zu der unser Angeklagter ohnehin aufgrund seines schlichten Geistes kaum in der Lage war.

Es ergab sich nämlich im laufe der Jahre, dass unser hier Angeklagter in einem Sinne des Wortes absolut schuldlos war, schuldlos an allem das ihm widerfuhr, schuldlos an seinem Leben und schuldlos an seiner Wirkung auf seine Umwelt.

Die erste Begebenheit die dieses eigenartige Talent zum Vorschein brachte ereignete sich bereits in frühen Kindertagen, als er sich beim allmittäglichen Spielen des Spielzeuges eines anwesenden Freundes bediente und es, obwohl ihn jener Freund wiederholt zu Vorsicht ob des ideellen und wohl auch finanziell relativ hohen Wertes des Gegenstandes zur Vorsicht ermahnt hatte, durch seinen Übermut zerbrach. Die anwesenden Mütter wurden unter wütendem Geplärre herbeizitiert und die Lage geschildert. Bereits damals, vor diesem mütterlichen Schwurgericht, beteuerte er, dass es nicht seine Schuld gewesen war und er war dabei so überzeugend und wies alle Anschuldigungen seitens seiner Freunde mit einer empörten Vehemenz zurück und schaute dabei doch so um Hilfe und Verständnis bettelnd drein, wie es nur ein verzweifelter Unschuldiger tun konnte, dass keine der Erwachsenen es wagte ein Urteil zu fällen.

Die Schuld, die ja tatsächlich bestanden hatte, war durch bloßes Beteuern seiner Unschuld von ihm abgeglitten und nach einiger Zeit war ihm nicht einmal sein einst betrogener Freund nicht mehr böse, da dieser sich ebenfalls andauernd mit beharrlich vorgetragenen Unschuldsvorträgen und einem um Verständnis bettelndem Gesicht konfrontiert sah, über das er bald seinen Ärger vergaß, ja sogar seine Erinnerung über das Geschehene und den eigentlichen Wert des Spielzeuges zu bezweifeln begann.

Vorfälle dieser Art häuften sich nunmehr und jedes Übel das der ewig Schuldlose erfuhr verfeinerte die Art, mit der er auf eben diese reagierte. Er glaubte selbst daran, keine Schuld zu tragen, sah er sich doch als Spielball des Schicksals; stets war es höhere Gewalt, die einen Fehltritt seinerseits bedingt hatte, und da er selbst an seine Unschuld und seine Ohnmacht gegenüber der Fügung glaubte, glaubte ihm auch seine Umwelt, konnte ihn niemand verurteilen.

Es steht zu bemerken, dass unser Angeklagter nie ein böswilliger Mensch war. Nie schob er die Schuld für seine Vergehen einer anderen Person in die Schuhe, denn das hätte er selbst als falsch und als ein Unrecht empfunden, lag die Schuld doch weder bei ihm noch bei jemand Anderem, es war einfach immer ein Unglück.

Viel Unglück sollte ihm über die Jahre geschehen und oftmals musste ein Anderer – tatsächlich unschuldiger – darunter leiden, doch er blieb weiterhin der Unantastbare, der gutmütige Pechvogel, der auf ewig gegen die Ungerechtigkeiten des Lebens anzeternde Held all jener, die für ihre Taten die Verantwortung von sich wiesen.

Doch dann, nachdem er lange glücklich aber unzufrieden ein Verantwortungsfreies Mittelstandsleben geführt hatte, geschah etwas, das sein subtiles Talent auf eine harte Probe stellen sollte: Er begann, nachdem er sich in ohnehin übler Laune betrunken hatte, einen unnützen Streit mit einem Fremden, der damit endete, dass der dieser von unserem Angeklagten in einer Bewegung blinder Wut von sich und vor die Straßenbahn gestoßen wurde. Der Fremde erlag noch am Unfallort seinen schweren Verletzungen und der Schuldlose wurde wegen Totschlag vor Gericht gestellt.

Verzweifelt versuchte er den Anwesenden seine Lage zu schildern: Es sei ein Unfall gewesen, ein Missgeschick und er könne nichts dafür. Und wieder glaubte er selbst am Stärksten an seine Unschuld, er musste an sie glauben, und er rang verzweifelt um seine Freiheit. Er konnte nichts dafür, dass die Straßenbahn in diesem Moment vorbei fuhr. Er konnte nichts für den Streit, denn an dem war der Alkohol schuld. Es sei ungerecht! Ja, er dachte sogar im Stillen, welches Recht sich der Richter herausnehme über andere, fremde Menschen zu urteilen. Es war ungeheuerlich, wie dieser Mensch sich anmaßte anderen Menschen die Schuld für Dinge zu geben, für deren Verlauf niemand verantwortlich war!

Da alle geladenen Zeugen zur besagten Zeit ebenfalls nicht mehr nüchtern gewesen waren und niemand die Tat eindeutig gesehen haben wollte wurde er schließlich aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Doch als mit dem Hammerschlag die drohende Gefahr des Freiheitsentzuges wie ein Vorhang fiel offenbarte sich ihm nun ein merkwürdiges Gefühl, das nicht länger durch Verzweiflung und Angst verzerrt wurde. Er würde den Rest seines ihm durch den Freispruch gewährtes schuldlosen Lebens benötigen, um sich an das Gefühl der Schuld zu gewöhnen.

flawless!?

Fingerübungen: Allein

Veröffentlicht in Experimente, Literatur am Januar 10, 2009 von jusufthebooze

Ein kleiner Sonnenstrahl leuchtete durch das schmale Gitterloch an der hinteren Zellenwand und tauchte den kleinen Raum in schummriges grünliches Licht. Das Wecksignal ertönte und die Klappe in der eiserenen Zellentür wurde aufgerissen. Eine rauhe Stimme schrie: „ Aufstehen!!! Hol dein Frühstück, du Hund und hier ist noch so ein Brief von diesem Verrückten.“ Eine Schüssel mit pappigem Haferschleim und ein zusammengefaltetes zerfleddertes Stück Papier wurden durch die Klappe geworfen, dann wurde sie wieder mit einem lauten Krach zugeschlagen. S. erhob sich langsam von der kargen Holzpritsche und berührte kurz den kalten steineren Zellenboden mit seinen nackten Füßen. Die Kälte brannte sich durch seine Füße in seinen Körper und sofort sprang er auf die Pritsche zurück. Er legte den alten Lumpen, welcher ihm als Decke diente, auf dem Boden aus und ging zuerst zu der kleinen Schüssel. Gierig schaufelte er die graue Masse in den Mund und schlang sie ohne zu kauen herunter. In den langen Jahren seiner Gefangenschaft hatte er sich daran gewöhnen müssen, jede Form von Nahrung, sei sie auch noch so widerlich und abstoßend, zu sich zu nehmen, sonst wäre er schon längst verhungert. Nachdem er die Schüssel geleert hatte, ließ er sie auf den Boden fallen und hob das Stück Papier vom Boden auf. Es war ziemlich schmutzig, da die Wärter den Brief geöffnet, das Papier gelesen und wahrscheinlich einige Tage einfach achtlos in eine Ecke ihrer Stube liegen gelassen hatten, aber daran hatte S. sich gewöhnt. Sie hatten keine Ahnung von der Bedeutung und dem Inhalt der Botschatften, welche S. erhielt und versandte. Sie waren nur ein Haufen sadistischer Bestien, die nichts konnten und kannten außer ihrer Arbeit und ihren Quälereien. S. entfaltete den Brief und begann zu lesen:

S.,

ich schreibe dir diesen meinen letzten Brief um Abschied zu nehmen.

Ich besitze nicht länger die Kraft stand zu halten. Die Bilder und Stimmen, welche auf mich eindringen werden immer mehr und lauter. Mein Kopf ist voller Geräusche, Eindrücke und Gedanken, die mich nun engültig zu erdrücken drohen. Ich halte es einfach nicht mehr aus.

Mein eigener Körper ist zum Gefängnis meiner selbst geworden. Diese Stimmen suchen mich zur jeder Stunde heim und nagen unaufhörlich an dem letzten Rest dessen, was einst eine Seele, ein Verstand, ein Leben gewesen war. Es lässt mich nicht schlafen, nicht essen noch trinken und treibt mich unaufhörlich dem Wahnsinn entgegen. Ich bin verloren und nichts und niemand kann mich Verstoßenen dem Abgrund entreißen, die Last meiner wirren Gedanken zerrt mich hinab in die dunklen Tiefen des Verlorenen. Es zermürbt mich und lässt keine klaren Gedanken mehr zu. In meiner Verzweiflung sehe ich nur noch den einen, alles beendenden Ausweg und möchte nicht scheiden ohne dir, meinem einzigen Vertrauten, ein letztes Mal zu danken für die Briefe , die Worte der Vernunft und des Trostes in meinen bittersten Stunden, doch zu meinem Unglück dringen diese Worte nun nicht mehr zu meinem Innersten vor. Mit den Zeilen, welche ich hier niederschreibe, zerfällt der letzte Rest meines gesunden Selbst vollends zu totem Staub. Erkrankt an der Welt, die mich umgibt, und ihrem kalten Atem, finde ich nun keinen Weg mehr, sehe kein Zeichen von Hoffnung, nur Dunkel und trostlose Leere. Alles ist falsch und verdorben, dies musste ich nun endgültig erkennen. Durchsetzt sind alle, die mich umgeben, von Argwohn und Hass, ich selbst bin kontrolliert und, wie mir scheint, völlig transparent und ohne Rückzug. Man kann nichts schützen, nichts erhalten und jeder Versuch, den ich unternahm, zu leben, so wie ich es mir gedacht, wird einem verwehrt. Dieser Niedertracht und diesem Schmerz halte ich nicht länger stand. Mein ganzes Leben strebte ich nach mehr, dachte ich, ich sei zu mehr bestimmt, doch letztendlich muss ich erkennen, dass von Anfang an nur Schein herrschte. Am Ende steht nichts und am Anfang war nie etwas gewesen. Jede Existenz, mag sie sich auch menschlich nennen, ist doch nur ein Gebilde aus Lügen und Verrat. Die Stimmen sie haben gesiegt. Ich schließe diesen Brief mit einem letzten Wort des Dankes und der Hoffnung, dass die sie deiner nicht habhaft werden und du am Leben bleibst.

Lebe wohl

J.

Entsetzt lies er das Stück zu Boden fallen und starrte es an. Eine große Verzweiflung und eine Wut kam in ihm auf. Wie von Sinnen begann er gegen die Holzpritsche zu treten und sprang mit aller Wucht gegen die Zellentür. Er hämmerte dagegen und trat wieder und wieder auf die Holzpritsche ein, er nahm die kleine Schüssel von Boden und knallte sie an die Wand. S. tobte vor lauter Verzweiflung darüber, dass nun sein einziger Kontakt nach draußen, seine einzige Bezugsperson, den Kampf gegen die Dämonen und das erdrückende System aufgegeben hatte. Nun würde er auch nich mehr in der Lage sein weiter durchzuhalten und diese Erkenntnis entfesselte die letzten Kräfte seines geschundenen Körpers. Immer wilder begann er gegen die Tür zu treten, bis seine Füße zu bluten begannen. Da wurde die Tür aufgerissen und 4 Wärter kamen ins Zimmer gerannt mit dicken Knüppeln bewaffnet. Sie droschen auf ihn ein und er versuchte sich zur Wehr zu setzten, hatte aber keinerlei Chancen. Sie prügelten auf ihn bis er blutüberströmt zusammenbrach. Dann ließen sie von ihm ab und verließen die Zelle. S. versuchte zu seine Pritsche zu kriechen, aber als versuchte sich zu bewegen, wurde ihm schwarz vor Augen und er sank bewusstlos in sich zusammen.

jusufthebooze

Zum Aderlass

Veröffentlicht in Experimente, Literatur mit Tags , , am September 30, 2008 von flawless!?

The End Of The Internet

Veröffentlicht in Experimente mit Tags am September 4, 2008 von flawless!?

Fin

flawless!?