Langsam öffneten sich ihre Augen und blickten in die dunkle Leere ihres Schlafzimmers. Vom Schlaf noch ganz benommen, griff sie neben das Bett und ertastete den Schalter der kleinen Nachttischlampe, die auf dem kleinen Tischchen am Kopfende des Bettes stand. Sie drückte den Schalter und das Dunkel wich einem schummrigen Licht. Sie drehte sich zum Tisch, um auf den Funkwecker, der neben der Lampe stand, zu schauen und sah, dass dieser verschwunden war. Ein plötzlicher Stich in der Magengegend ließ sie zurückfallen und in sich zusammensacken. „Wo ist er, wo, wo, wo ?“ Rasend schnell bohrten sich die Gedanken in ihren Kopf. Es schnürte ihr die Luft ab, sie begann laut zu rufen: „Wo ist er? Es geht nicht, er muss da sein.“ Sie zwang sich dazu, sich aufzurichten und vom Tisch abwärts auf den Boden zu schauen. Da lag er mit dem Batteriefach nach oben gerichtet. Die beklemmende Angst wich augenblicklich von ihr und sie hob den Wecker auf. Sie musste ihn im Schlaf vom Tisch herruntergestoßen haben. Sie drehte ihn, um nach der Uhrzeit zu sehen, doch die Batterien schienen sich gelockert zu haben und auf dem Display blinkten nur grünlich-schwarze Achten. Sie drehte den Wecker um, öffnete die kleine Plastikklappe und rückte die Batterien gerade, schloß die Klappe wieder und drehte den Wecker auf die Displayseite zurück. Sie wollte den Wecker gerade zurück auf den Nachttisch stellen, da zuckte sie leicht zusammen, da plötzlich wieder Gedanken in ihren Kopf schoßen: „Waren die Batterien wirklich fest? Vielleicht fallen sie gleich wieder ein Stückchen raus und der Wecker geht nicht mehr! Waren es auch wirklich zwei? Vielleicht schimmert der Bildschirm nur im schummrigen Licht. Sieh lieber nach!“ . Sie versuchte dem Drang zu wiederstehen und den Wecker hinzustellen, da begann es leicht in ihrer Brust zu stechen, ihr war als begönne ihr Herz stumpf gegen ihre Rippen zu pochen und langsam schnürte sich ihr der Hals zu. Sofort nahm sie den Wecker, drehte ihn, riss die Plastikklappe auf und vergewisserte sich, dass die Batterien am richtigen Platz saßen. Das Stechen und Pochen verschwand, die Stimmen wurden unhörbar und sie konnte aufatmen. Sie stellte den Wecker auf den Tisch, was ihr dieses Mal leicht zu fallen schien und erhob sich aus dem Bett. Vom Schreck leicht benommen, ging sie aus dem Schlafzimmer hinaus auf den Gang, der ganz in weiß gestrichen war, da das vorherige Muster den Zwang zu zählen aufs heftigste gefordert hatte. Sie knipste das Licht an und lief Richtung Bad, denn dort auf der Ablage über dem Waschbecken lagen die Pillen, die ihren Kopf klarer werden ließen und die Atemnot linderten. Sie schien sie gestern abend zu früh genommen zu haben, denn nur das durfte die Erklärung sein, warum schon am frühen Morgen derart heftige Attacken auftraten. Sie war sehr verunsichert und ängstlich, denn direkt nach dem Aufstehen hatte sie noch nie solch einen starken und schnell auftauchenden Angriff erlebt. Auf dem Weg ins Badezimmer lief sie an der Tür zur Küche vorbei und warf einen schnellen Blick hinein und das, was sie dort sah, ließ sofort neue erdrückende Gedanken emporschnellen. Am Boden lag eine umgefallene Dose Pfeffermindrops, aus der sämtliche Drops herausgekullert waren und über den ganzen Küchenboden verteilt lagen. Das schien gestern nach dem Einnehmen der Pillen passiert zu sein und sie hatte sich nichts mehr dabei gedacht. Doch jetzt musste sie für dieses unbereinigte Versehen büßen. Sie wollte sich dazu zwingen nicht mehr hinzusehen und geradeaus weiter ins Bad zu ihren Pillen zu eilen, doch schon waren die Stimmen wieder laut und deutlich gegenwärtig: “Geh hin, heb sie auf, zähl sie!” Sie versuchte weiter mit ihrem unterdrückten Willen dagegen anzukämpfen, doch schon sah sie sich in Richtung Küche drehen und auf die umgefallene Dropsdose zulaufen, obwohl sie sich zu sagen versuchte: “ Hör auf, dreh um!” Aber es nützte nichts. Ihr Herz schlug wie ein schwerer Hammer gegen ihre Brust, sie japste nach Luft und es warf sie, wie von unsichtbaren Händen gestoßen, zu Boden, wo sie nun alle Drops mit der einen Hand aufhob und in die, zu einer Kuhle gebildete, andere Hand fallen ließ und sie alle durchzählte. Als sie kein Pfefferminz mehr auf dem Küchenboden liegen sah, nahm sie die Packung in die Hand und schaute hinten nach der Mengenangabe. Sie hatte 98 Drops gezählt und 100 waren als Packungsinhalt angegeben, doch zum Glück fiel ihr ein, dass sie sich gestern zwei davon genommen hatte. Diese Erkenntnis ließ die Stimmen aufs neue verschwinden und das einengende Gefühl verschwinden. Erleichtert stellte sie die Dropspackung auf den Küchentisch, da raste ein neuer Gedanke in ihren Kopf: “Die Drops lagen auf dem Boden, die waren bestimmt schmutzig! Deine Hände sind schmutzig, du wirst krank werden! Wasch sie, du musst alles abwaschen!” Erneute Panik stieg in ihr auf. Sie stürtzte schnell zum Waschbecken und stellte den Regler am Wasserhahn auf die heißeste Stufe. Dann nahm sie das Spülmittel und übergoß zuerst ihre linke, dann ihre rechte Hand und hielt sie anschließend unter das brühend heiße Wasser. Mit einem kleinen Aufschrei zuckte sie zurück, doch sofort wurde das Pochen in ihrer Brust stärker und ließ sie taumeln, also streckte sie ihre Hände wieder unter das siedende Wasser. Diese wurden unerträglich heiß, aber das beklemmende Gefühl begann zu verschwinden und die Gedanken wurden wieder leiser. Als ihre Hände fast verglüht schienen, waren die Stimmen verschwunden. Unter Schmerzen stellte sie das Wasser ab und rannte ins Badezimmer, griff sich die Pillendose von der Ablage und nahm gleich vier davon. Sie stellte den Regler des Badezimmerwaschbeckens auf kalt und hielt ihre schmerzenden Hände darunter. Als sich diese ein wenig erholt hatten, zog sie sie weg, nahm einen Schluck aus dem Hahn und die Wirkung der Pillen begann einzusetzen. Die bedrückende Enge wich von ihr und die Stimmen verstummten. Sie setzte sich erschöpft auf den Deckel ihrer Toilette und begann erleichtert durchzuatmen. Sie musste unbedingt raus aus ihrer Wohnung, denn nur dort war sie diesen Zwängen und Attacken ausgeliefert, sobald sie nicht mehr alleine und unter den Einwirkungen der Pillen stand, fiel ihr der Umgang mit den einprasselnden Gedanken und Ängsten viel leichter. Also beschloss sie die Wohnung so schnell wie möglich zu verlassen. Sie zog sich aus, duschte sich, trocknete sich ab machte ihre Morgentoilette und ging auf schnellstem Wege ins Schlafzimmer an ihren Kleiderschrank. Dort nahm sie sich Unterwäsche, Jeans, ein Shirt und einen Pullover, zog sich an, machte die Nachttischlampe aus und ging zur Eingangstür, wo ihre Schuhe standen. Sie hatte nur ein Paar, damit sie nicht in Versuchung kam auch diese immer wieder aufs neue zählen und überprüfen zu müssen. Schnell zog sie sie an und schnürte sie fest. Als sie gerade die Wohnungstür öffnen wollte und hinaustrat, merkte sie, dass sie ihre Pillen im Bad liegen gelassen hatte und sie rannte zurück an die Ablage, steckte sie in die Hosentasche und lief zurück zum Eingang. Sie löschte das Licht im Gang und trat über die Schwelle, sehr zufrieden darüber, wie schnell sie es diesmal geschafft hatte sich zu lösen, als sie noch einmal einen Blick zurückwarf. Blitzschnell schoß ihr ein Gedanke in den Kopf: “Waren es wirklich 98 Drops?”
jusufthebooze

Heute werde ich mich zum ersten Mal an einer Buchbesprechung versuchen, denn dieses Buch hat es durchaus verdient ein wenig genauer zu diskutiert zu werden, zumal ich nicht allem transportierten Gedankengut uneingeschränkt zustimmen will. Dazu werde ich auf einige Details der Handlung eingehen, weswegen ich allen, die das Buch möglichst unvoreingenommen und/ oder in naher Zukunft lesen wollen, rate, sich zu überlegen ob sie sich das Folgende antun wollen. Macht euch gefasst auf eine geballte Ladung persönlicher Meinung. Cheers.