Körperkult – Ode an einen Sommertag
Öfter mal was Neues, will ich meinen. Sehr spontan und konzeptlos aber das ist ja nicht immer schlecht. Viel Vergnügen!
Körperkult
Ode an einen Badetag
***
Es ist noch gar nicht lange her
Als es mir an den heißen Tagen
Dieses Sommers fiel sehr schwer
Die Hitze länger zu ertragen
…
Ich fühlte, was mir sehr missfiel,
Dass, keuchend, schwitzend ganz und gar
Ganz ähnlich wie mein Eis am Stiel
Ich langsam am zerfließen war
…
Mit letzter Not ereilte mich
Als ich schon nah dem Kollaps war
Der Rettende Gedankenblitz
And den Badesee zu fahr’n
…
Es kostete viel Kraft zu sammeln
Meine nöt’gen Badesachen
Zudem die Tür auch zu verrammeln
Und mich auf den Weg zu machen
…
Während ich zum See nun wankte
Und so manch’ Fata Morgana sah
Kam mir plötzlich der Gedanke,
Dass wohl auch Andre wären da!
…
Ich dachte schon an das Gedränge
An die Enge und an’s Geschrei
In dieser wabernden Menschenmenge
Dort könnt ich wohl kaum glücklich sein
…
So kam es, dass ich spontaner Weise
Entgegen meiner Sonst’gen Art
Eine viel versprechende Reise
Auf des Sees and’re Seite tat
…
Zunächst war’s dort tatsächlich leer
Ich erfrischte mich im kühlen Nass
Ach, ich freute mich gar sehr
Und genoss ganz allein’ den Spaß
…
Als ich später dann gedachte
Mich zum Schlafe hinzulegen
Sah ich kurz, als ich noch wachte
Ein paar Leute näher treten
…
Mir war so wohl, dass es nicht störte
Was die Menschen dort nun taten
Wenngleich ich sie auch hörte
Lautstark in dem Seelein baden
…
Nach kurzer Zeit in süßem Traum
Erwachte ich herrlich entspannt
Ich öffnete die Augen kaum
Oh, was mir da in Selb’ges sprang!
…
Hier ein Paar Brüste, dort ein Penis
So mach primäres Geschlechtsorgan
Der blanken Hintern auch nicht wenig
Dass ich mir noch wie im Traum vorkam
…
Ich konnte mir sogleich erklären
Dass dies also ein Nacktstrand war
Den Leuten konnt’ ich’s nicht verwehren
Dass sie waren nackt und bar
…
Meiner Bekleidetheit bewusst
Kam ich mir ganz nackend vor
Ich schwöre, dass ich nichts gewusst!
Ich Spanner, Lüstling, Dummkopf, Tor!?
…
Nachdem der erste Zwang verwunden
Mich meiner Hose zu entled’gen
Sah ich beschämt an mir nach unten
So wollt ich denen nicht begegnen
…
Die Weihnachtszeit war lange her
Doch heilt die Zeit nicht alle Wunden
Besonders wenn wiegen sie so schwer
Hab mich auch nicht arg geschunden
…
Mein Selbstbewusstsein geknickt
Wollt ich zu den Nackten zu schielen
Als mein Auge dann erblickt
Ein besond’res Klischee in den Vielen
…
Inmitten dieser nackten Menge
stand ein wahrer Muskelberg
Der – obgleich schon nackt – ohnehin jede Hose sprengte
War sicher nicht nur Gottes Werk
…
Mich verstörte dieses starke Bild
Das ich so noch nicht gekannt
Und Gedanken rasend, wild
Überschwemmten meinen Verstand:
…
Der Typ entspricht so ziemlich dem,
was einem diese ganzen
Männer-Lifestyle Magazine
immer als „definierten Körper“
verkaufen wollen
der Kerl ist definiert
er ist mehr als
definiert
er ist
über-definiert
super-definiert
quasi
die Definition von
definiert
definitiv
jede Muskelfaser ist
zu erkennen
als hätte er
statt
einer menschlichen Haut
eine gleichfarbene
Plastiktüte
mit Unterdruck
auf seine
Muskeln
gezogen
ich bin hypnotisiert
beobachte
dieses fließende
Wechselspiel
von sich
anspannenden und
entspannenden Muskeln
von den Rillen dazwischen
die auf der Haut
auf der Plastikfolie
umherwandern
als hätten sie
ganz Rille
nichts besseres zu tun
ich schwitze
diese Hitze
ein Waschbrettbauch
aber mehr noch
all diese Rillen
scheinen ihm
Waschbrettschultern
Waschbretthandinnenflächen
eine Waschbrettstirn
wie mein Opa sie hat
zu verleihen
Wie von Körperwelten entflohen
einen Anatomielehrbuch
mit Sonderanhang
übertriebene Proportionen
entsprungen
tänzelt diese
Adonis und Herkules spottende
Figur
vor meinen Augen
umher
glänzend vor Sonnenöl
oder ist es Melkfett?
jede Ader kann man erkennen
sie scheinen das an
reliefartiger Erhabenheit
wettmachen zu wollen
was die
Rillen
vermissen lassen
wie eine peristaltische Welle
kann man
das
Blut
Bei
Jedem
Herzschlag
förmlich durch die feinen Äderchen laufen sehen
die Äderchen auf arm Hand Brust Hals Stirn und Augenwinkel
Das Colgatelächeln wirkt angestrengt
das Genital ist verschrumpelt und ledrig weil der Körper alles Blut braucht um die Muskeln mit Sauerstoff und Nahrung zu versorgen
die glattrasierten Hoden verschwinden aufgrund des anzunehmenden übertriebenen Hormonmissbrauchs beinahe wieder im Unterleib
diese wabernde pulsierende Masse aus Muskeln
dieses nussbraune Solarium geschädigte Krebszellenrekrutierungslager
Das sieht doch einfach scheiße aus!
…
Mit einem Schlag war ich zurück
Von dem Wahnsinn wie erschlagen
Doch wähnte mich nun in dem Glück
Mein Ego grad bestärkt zu haben
…
Ich schmunzelte und lachte leise
Ein weiteres mal die Augen schließend
Um dann, wie es manchmal meine Weise
Einfach mich selbst und den Tag zu genießen
flawless!?